Margit Eckholt: Gender studieren

Eckholt, Margit (Hg.):
Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche

Inhalt

2015 fand in Osnabrück eine Tagung zu Ehren der katholischen Theologin Elisabeth Gössmann statt. Gössmann, geboren 1928, gilt als Mitbegründerin der deutschsprachigen theologischen Frauenforschung und hat die Entwicklungen zur Rolle der Frau innerhalb der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) beobachtet und theologisch ausgewertet. Das Buch „Gender studieren“ ist durch diese Tagung angestoßen worden.
Die Debatte um die Genderforschung hat auch vor der Theologie nicht halt gemacht. Von manchen Vertreter*innen der katholischen Kirche polemisiert, diffamiert und in der theologischen Diskussion zum Teil umstritten, zeigen die Autor*innen dieses Sammelbandes auf, was mit dem Begriff Gender gemeint ist, wie er zur Zeit diskutiert wird, in welchem Zusammenhang die theologische Anthropologie und Gender stehen, wie in der kirchlichen Praxis auf das Thema eingegangen wird und welche Rolle die Gender-Kategorie in der internationalen feministischen und theologischen Diskussion und Praxis spielt. Das Buch will innerhalb der theologischen Diskussion einen sachlichen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Genderbegriff leisten und versteht sich als ein Entwurf für eine „Theologie der Frau“ (S. 15).

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Klärung des Begriffs „Gender“ und den aktuellen Herausforderungen, die damit verbunden sind. Die Autorinnen machen übereinstimmend deutlich, dass es beim Genderdiskurs um eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion sozialer Geschlechter gehe. Gender sei, so Regina Ammicht Quinn, eine Analysekategorie, eine Verunsicherungskategorie und eine Gerechtigkeitskategorie. Exklusionen könnten mit ihr benannt und überwunden, feststehende Überzeugungen in Frage gestellt und überdacht sowie Wege zu einem gleichberechtigten Miteinander der Geschlechter gefunden werden. Gender Studies als wissenschaftliches Analyseinstrument und Gender Mainstreaming als politische Strategie trügen dazu bei, geschlechtsbedingte soziale Ungerechtigkeit zu entlarven, zu analysieren und zu überwinden. Marianne Heimbach-Steins sieht im Genderdiskurs ein Zeichen der Zeit, wie Theologie und Kirche sich heute der Geschlechterdiskussion stellen müssten. Für Sabine Pemsel-Maier bietet das Genderthema die Möglichkeit und die Herausforderung, sexuelle Vielfalt zu akzeptieren und Heterogenität und Vielfalt als Schlüsselbegriffe (religions)pädagogischer Arbeit zu nutzen. Virginia Raquel Azcuy, Hildegard König und Sonja Strube zeigen an Beispielen aus Südamerika, der Tschechoslowakei und unterschiedlichen rechtspopulistischen Strömungen, welche Gefahr von Gewalt- und Unterdrückungsstrukturen ausgeht und welche Möglichkeiten in der Genderdiskussion stecken, diese Gefahren aufzuzeigen und abzuwenden.

Im zweiten Teil des Buches setzen sich die Autor*innen mit Grundfragen theologischer Anthropologie auseinander. Helen Schüngel-Straumann, Dorothea Sattler, Bernhard Sven Anuth und Margit Eckholt machen deutlich, wie sich das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau in der Kirche durch eine Fehlinterpretation der Schöpfungsgeschichte entwickelt, im Laufe der Zeit festgesetzt und so zur Machtdominanz der Männer und Unterdrückung der Frauen geführt habe. Die Genderdiskussion biete die Möglichkeit, diese Fehlinterpretation aufzudecken und zu korrigieren, so dass die Gottesebenbildlichkeit aller Geschlechter anerkannt werden könne. Theologie habe durch die Genderdebatte die Chance, sich aus alten Zwängen zu befreien und sich weiterzuentwickeln. Dabei werde die Geschlechterdifferenz nicht negiert, aber das einfache bipolare Denken, das die Ungleichbehandlung der Geschlechter begründe, aufgehoben. Christine Büchner und Dorothea Reininger ordnen den Genderdiskurs in das theologische Denken Elisabeth Gössmanns ein.

Der dritte Teil des Buches enthält Beispiele, wie die Genderdiskussion in die pastorale Arbeit einfließen kann. Nachdem der Großteil der bisherigen Beiträge des Buches von Frauen stammt, kommen in diesem Abschnitt zunächst zwei Männer zu Wort: Stefan Orth plädiert in seinem Zwischenruf für mehr Gelassenheit im Umgang mit der Genderdiskussion. Er sieht für die Kirche keine Gefahr, wenn sie sich auf diese Diskussion ernsthaft einlasse. Vielmehr böte sie ihr die Chance, im aktuellen gesellschaftlichen Geschehen zu bleiben und dieses mitzugestalten. Markus Roentgen beschäftigt sich in seinem Artikel mit der Rolle, die den Männern und der kirchlichen Männerarbeit im Rahmen der kirchlichen Genderdiskussion zukommt. Um ein Bewusstsein dafür zu bekommen, führt er mit dem*der Leser*in ein Gender-Training durch.  Sein Fazit: Männer sollten mehr schweigen und hören, damit Geschlechtergerechtigkeit Wirklichkeit werden kann.
Regina Heyder macht am Beispiel der Rezeption von Gerda Krabbels und Caritas Pirkheimer deutlich, wie sich der Katholische Deutsche Frauenbund bereits früh mit dem Genderthema befasst hat und es heute als eine wichtige Analysekategorie versteht, um zum einen die Pluralität weiblichen Lebens sichtbar zu machen und zum anderen die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen. Barbara Janz-Spaeth zeigt am Beispiel eines Bibelkurses, wie das Thema Geschlechtersensibilität in die pastorale Arbeit einfließen kann. Christine Boehl schließlich referiert in ihrem Artikel Forschungsergebnisse zur Situation von Frauen und Männern in der letzten Lebensphase und kommt zu dem Schluss, dass auch die Begleitung der letzten Phase geschlechtssensibel gestaltet werden müsse.

Im letzten Abschnitt des Buches geht es um internationale Perspektiven auf die Genderdebatte. Anna Dirksmeier, Anne Béatrice Faye, Mary John Mananzan, Ursula Silber, Luis Mario Sendoya Mejia und Jadranka Rebeka Anić berichten über Entwicklungen und die Bedeutung von Gender und Gender Mainstreaming bei Projekten der Hifsorganisation Misereor, in verschiedenen Ländern Afrikas, auf den Philippinen, in Chile und Bolivien.

Bewertung

Im Vorwort heißt es, das Buch lade ein „zu einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Gender-Begriff aus Perspektive katholischer Theologie und unterschiedlicher kirchlicher Praxisfelder.“ (S. 11) Aus diesem Grund seien vielfältige Perspektiven zur Genderdiskussion in das Buch aufgenommen worden. So wichtig ein breites Spektrum ist, um sich eine fundierte und zugleich umfassende Meinung zu bilden, so verwirrend ist es jedoch auch. Meiner Meinung nach haben die vielen unterschiedlichen Perspektiven dem Buch als Ganzes und der fundierten Auseinandersetzung mit dem Genderthema nicht gut getan. Zum einen verhindern sie, dass der Genderbegriff in den vier Bereichen Begriffsklärung, theologische Anthropologie, pastorale Handlungsfelder und internationale Perspektiven jeweils tiefgehender diskutiert und analysiert wird. Zum anderen fehlt dem Buch durch die Vielfältigkeit ein roter Faden, der die Diskussionsstränge zusammenführt. Vielmehr entsteht der Eindruck eines unsortierten Sammelbandes, in dem jede*r Autor*in ihre*seine Sicht zum Thema schildert, ohne dass die Artikel Bezug aufeinander nehmen. Dies bedingt wohl auch die Wiederholungen, die sich in dem Buch finden – die Fehlinterpretation von Gen 1-3 und deren Folgen für die theologische Anthropologie werden im zweiten Teil des Buches drei Mal angeführt und erklärt. Ähnlich ist es mit den Erläuterungen im ersten Teil, dass es sich bei Gender um das soziale Geschlecht und der Gendertheorie um ein Analyseinstrument handele. Auch wenn Wiederholungen wichtig sind, um das Geschriebene bei dem*der Leser*in zu verankern, wären aufeinander aufbauende und bezugnehmende Artikel zur Vertiefung des Themas in diesem Fall interessanter gewesen.

Die einzelnen Artikel sind in sich schlüssig und informativ. Je nach Kenntnisstand und Interesse kann sich der*die Leser*in die Artikel heraussuchen, die ihn*sie am ehesten interessieren. Für mich als Pädagogin waren dies vor allem die Beiträge im ersten und dritten Teil. Hier hat das Buch seinen Anspruch als Studienbuch erfüllt. Sein Ziel, einen Lernprozess für Theologie und Kirche anzustoßen und zu begleiten soll, hat es jedoch verfehlt, denn im Aufbau des Buches ist kein Prozess zu erkennen. Bei der Vielfältigkeit der Beiträge hätte es  Zusammenführungen und Erläuterungen gebraucht, um einen Zusammenhang herzustellen. Dies wäre gerade für solche Leser*innen hilfreich, die sich zum ersten Mal mit dem Genderthema beschäftigen oder ihm kritisch gegenüberstehen. Vielleicht lassen sich aber zu den einzelnen Themenbereichen eigene Bücher entwickeln, die die jeweiligen Perspektive auf die Genderdebatte einordnen, erklären und vertiefen. Dem Genderdiskurs, der Theologie und der Kirche wäre es zu wünschen.

Ulrike Gerdiken

Das Buch ist 2017 in zweiter Auflage im Grünewaldverlag erschienen und kostet 35,00€.