Hans-Erhard Lessing (Hg.): Ich fahr so gerne Rad…

Geschichten vom Glück auf zwei Rädern

Frauenmuseum Wiesbaden erste Laufraeder
Quelle: Frauenmuseum Wiesbaden

Sommerzeit ist Radelzeit. Ganz besonders im Jahr 2017, dem 200. Geburtstag des Drahtesels. Welch ein Glück, dass Karl Drais 1817 auf die Idee kam, zwei Räder hintereinander statt nebeneinander zu montieren. Mit diesem ersten Laufrad kam die Erfolgsgeschichte des Fahrrads ins Rollen. Da verwundert es nicht, dass die erstmals 1995 erschienene Anthologie von Hans-Erhard Lessing noch einmal neu aufgelegt wurde.

Ich bin auf das Buch durch eine Sendung bei hr2 zum Weltfrauentag aufmerksam geworden. Passend zum Jubiläumsjahr wurde dort thematisiert, welche Bedeutung das Fahrradfahren für die Emanzipation der Frau hat. Mehrmals wurde aus den Schriften von Amalie Rother, einer Pionierin des Radfahrens ins Deutschland, zitiert. Eine kurze Recherche zeigte mir, dass ich die Texte in dem Sammelband von Hans-Erhard Lessing finden würde. Kurzum bestellte ich das Buch.

Meine Erwartungen, nun mehr darüber zu erfahren, wie Frauen über das Radfahren denken und dachten, wurden allerdings enttäuscht. Von den 31 Beiträgen in dem Buch stammen gerade einmal sechs von Autorinnen, darunter eine Reisebeschreibung (Margaret V. Le Long: Allein quer durch Amerika), ein Auszug aus den Memoiren Simone de Beauvoirs, eine Kurzgeschichte von Colette (Ende einer Tour de France) und ein Ausschnitt aus Iris Murdochs Roman „The Red and The Green“. Während diese Texte von persönliche Erlebnissen erzählen, bei denen das Fahrrad direkt oder indirekt eine Rolle spielt, geben die Texte von Amalie Rother und den Redakteurinnen der „Draisina“ einen Eindruck davon, wie radelnde Frauen um die Jahrhundertwende in der Gesellschaft wahrgenommen wurden und mit welchen Fragen sie sich beschäftigten. Neben technischen und gesundheitlichen Themen spielte die richtige „Toilette“ eine nicht unbedeutende Rolle, kam es doch einer Revolution gleich, dass Frauen auf dem Fahrrad Hosen trugen. Auch einige Autoren, die in diese Anthologie aufgenommen wurden, beschäftigen sich mit der Frau und dem Fahrradfahren. Dabei geht es von der notwendigen Enterbung radfahrender Frauen (John Galsworthy: Radfahrerinnen werden enterbt) über die artistische Leistung französischer Kunstradfahrerinnen (Arthur J. Munby: Die französischen Velozipedistinnen) bis zur die Bedeutung einer Radtour beim ersten Rendezvous (Émile Zola: Marie allein zu zweit).

Auch wenn die Geschichten mir keine ausführlichen Informationen geben konnten, wie Frauen die Bedeutung des Radfahrens in der Zeit um 1900 einschätzten, so bietet das Buch insgesamt doch einen unterhaltsamen Eindruck davon, welche revolutionäre Kraft von der Erfindung Karl Drais‘ ausging. Geschlechterrollen mussten überdacht werden, gesundheitliche Risiken wurden diskutiert, der Straßenverkehr stand vor neuen Herausforderungen und neue Sportarten entwickelten sich. Mir persönlich enthält das Buch zu viele Romanauszüge und zu wenige Sachtexte, denn mich interessiert besonders die soziale und gesellschaftliche Bedeutung des Radfahrens. Als Sommerlektüre für den Strandkorb oder zwischen zwei Radtouren kann ich es aber uneingeschränkt empfehlen.

Ulrike Gerdiken

Das Buch ist als Taschenbuch im dtv erschienen und kostet als Taschenbuch 9,90€.

Das Foto mit Nachbildungen der ersten Drais’schen Laufmaschinen wurde im Frauenmuseum Wiesbaden in der sehr empfehlenswerten Ausstellung „Cyclomania – Radelnde Frauen“ aufgenommen.