Erik Flügge/David Holte: Eine Kirche für viele statt heiligem Rest

Worum geht es?

Bei einer Veranstaltung im April 2018 habe ich von Erik Flügge zum ersten Mal seine 10%/90%-These gehört. Demnach profitieren nur 10% aller Kirchensteuerzahlenden von Leistungen, die die Kirchen anbieten, während 90% nichts von ihren Zahlungen haben. In seinem neuen Buch „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ versucht er, unterstützt durch einen Beitrag von David Holte, diese These zu belegen und darauf aufbauend ein Konzept für eine Kirche der Zukunft zu skizzieren.

Wer hat es geschrieben?

Erik Flügge (Jg. 1986) hat Theologie, Germanistik und Politologie studiert. Er arbeitet als selbständiger Kommunikationsberater vor allem für die SPD und hat u. a. das online-Format „Valerie und der Priester“ produziert. www.erikfluegge.de

Was steht drin?

Erik Flügge hat dieses Buch geschrieben, weil ihm seine Kirche etwas bedeutet und er sich Sorgen um sie macht. Er fragt sich, ob und wie eine Kirche überleben kann, die nur für 10% ihrer Mitglieder attraktiv ist, während 90% derjenigen, die als Kirchensteuerzahler*innen formale Mitglieder sind, nichts von ihr haben. Seine These lautet: Rettung bringt das persönliche Gespräch – „Direkte Kontaktaufnahmen können Menschen binden und sogar zu einer Umkehr bringen.“ (S. 45) Diese These sieht er zum einen durch Gespräche bestätigt, die er als Kommunikationsberater bei Fortbildungen im kirchlichen Kontext geführt hat. Zum anderen hat er seinen Kollegen David Holte gebeten, einen kurzen Bericht über dessen Beweggründe für seinen Kirchenaustritt zu schreiben. Die Gründe, die Holte dort anführt, bestätigen die These ebenfalls.

Flügges Kritik richtet sich vor allem gegen die Organisationsformen der Kirchen als „Arbeitgeber und Sozialpartner, […]Berater und Dienstleister“ (S. 51). Seiner Meinung nach kümmern sie sich zu sehr um ihre Immobilien, um Bildungseinrichtungen, um Kulturgüter und den Erhalt ihrer Strukturen, als nach neuen Wegen zu suchen, die den lebendigen Menschen im Blick haben. Um weiter zu existieren und nicht nur für den „heiligen Rest“ da zu sein, empfiehlt er einen radikalen Umbau hin zu einer aufsuchenden Kirche. Seelsorger*innen sollen auf alle Mitglieder der Kirche zugehen, ihnen das Gespräch anbieten und mit ihnen gemeinsam den Glauben (wieder) entdecken. Als Modell legt er die Anfänge des Christentums zugrunde, als sich der christliche Glaube in der Diskussion zwischen den jüdischen Anhängern Jesu und den von Philosophie geprägten Griechen weiterentwickelte und immer mehr an Kontur gewann. Diese Gesprächskultur, so Flügge, brauche es in der Kirche, damit jene Mitglieder erreicht werden, die vielleicht nicht mehr glauben, die Kirche aber noch nicht aufgegeben haben. Hierzu sei es notwendig, bestehende formalisierten Strukturen radikal aufzugeben und neue Formen der Kommunikation und Mission zu wagen. Mit seinem Buch will Flügge zu einer solchen Veränderung inspirieren.

Meine Meinung

So richtig Flügges These ist, dass die Kirche eine aufsuchende sein muss, so problematisch, gefährlich und entlarvend sind die Form der Darstellung und die Haltung, die der These hier zugrunde liegt.

Die Form der Darstellung ist Populismus wie aus dem Lehrbuch. In bester populistischer Manier baut Flügge ein Krisenszenario auf, das er „in aller Härte“ (S. 50) vorträgt und mit unbelegten Behauptungen untermauert, um am Ende seine Kritik zu relativieren und scheinbare Lösungen aufzuzeigen. So fehlen im gesamten Buch seriöse Quellenhinweise, die seine Zahlen (10% vs. 90%) oder Behauptungen (Finanzielle Investitionen der Kirchen, S. 21; Wirkung von Hausbesuchen, S. 28; Rückgang der Relevanz der Sakramententheologie und Bibellehre, S. 47f) belegen. Die undifferenzierte Kritik an bestehenden Strukturen und das Hervorheben der Investitionen der Kirchen in Immobilien bedienen subtil Vorurteile und Kritiken, die aufgrund des weltweiten Missbrauchsskandals durch katholische Geistliche und des Finanzskandals um den Limburger Bischof Peter Tebartz van Elst viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche gegen sie und an ihr hegen. Unbeachtet bleiben oder negativ belegt werden dagegen die positive Funktion und Bedeutung der Kirchen für die soziale, kulturelle und politische Entwicklung unserer Gesellschaft sowie die identitätsstiftende und gemeinschaftsfördernde Funktion von Einrichtungen, Ritualen und den dazugehörigen Gebäuden. Indem Flügge einseitig Wut, Enttäuschung und Vorurteile kirchennaher wie kirchenferner Menschen bedient – die achtzeilige Wertschätzung des individuellen Engagements der Haupt- und Ehrenamtlichen (S.22f) hat hier wohl eher eine Alibifunktion – wird er zum Brandstifter, der Spaltung und Vorurteile befeuert statt konstruktive Weiterentwicklung zu fördern.

Flügge plädiert für eine aufsuchende Kirche – allerdings nur im Rahmen der zahlenden Mitglieder. Darin zeigt sich ein m.E. problematisches, weil exkludierendes Verständnis von Kirche. Geht es nach Flügge, so sollen sich die Kirchen nur noch um sich selbst kümmern und ihr soziales, politisches und kulturelles Engagement, von dem auch nichtzahlende Mitglieder profitieren, einstellen. Würden die Kirchen tatsächlich so handeln, so würden sie sich von ihrem Kernauftrag verabschieden und sich jeder Möglichkeit der Mitgestaltung lokaler und globaler Entwicklungen berauben. Eine solches Kirchenverständnis ist hochproblematisch und zeugt von einer Haltung, die das Gegenteil von offen und zukunftsweisend meint. Zudem bin ich mir sicher (ohne es belegen zu können), dass die von Flügge zitierten 90% auch heute schon etwas von ihren Kirchensteuern haben, ohne dass es ihnen bewusst ist, z. B. als Patient*in in einem Krankenhaus, Teilnehmer*in an einem Kurs der Familienbildungsstätte oder Mitglied im DJK-Sportverein. Es braucht nicht immer das Glaubensgespräch, um im Glauben wirksam zu werden.

Die reaktionäre und konservative Haltung Flügges zeigt sich schließlich auch im Sprachstil seines Buches. Dort verwendet er durchgehend die männliche Form. Selbst wenn er von der (grammatikalisch weiblichen) Kirche redet, bezeichnet er sie als Arbeitgeber und Berater. Kirche scheint für ihn auch im Jahr 2018 selbstverständlich männlich zu sein.

Mein Fazit

„Eine Kirche für viele“ ist kein Buch, in dem Erik Flügge sich wirklich Gedanken darüber macht, wie die Kirchen sich zukunftsfähig und menschenorientiert aufstellen können. Es ist die sprachlich geschickte Darstellung des eigenen Frustes an der Kirche und der Versuch, im Fahrwasser des Erfolgs seines vorhergehenden Buches (Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche ihrer Sprache verreckt, Kösel 2016) neue Kund*innen für das eigene Unternehmen zu gewinnen. Dies macht er – wie von einem Kommunikationsberater zu erwarten – sehr geschickt. Wer Fan von Flügge ist, kann ihn mit dem Kauf des Buches gerne unterstützen. Wer sich ernsthaft und konstruktiv-kritisch mit zukunftsweisenden pastoralen Ideen und Konzepten auseinandersetzen will, findet bessere Bücher.

„Eine Kirche für viele“ ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 8,00€.