Christiane Florin: Der Weiberaufstand

Worum geht es?

Was können, dürfen, sollen, wollen Frauen in der katholischen Kirche? Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil diskutieren katholische Frauen diese Fragen nicht nur in der Frauengruppe, sondern öffentlich. Mit der feministischen Theologie hat sich ein eigener wissenschaftlicher Zweig herausgebildet, der sich mit der Bedeutung und der Rolle des Weiblichen im Christentum beschäftigt. Doch trotz gesellschaftlicher Entwicklungen und theologischer Forschung hat sich an den Strukturen der Kirche und der Haltung des katholischen Lehramts gegenüber der Rolle der Frau kaum etwas geändert. Auch unter dem aktuellen Papst Franziskus ist es bisher größtenteils bei Ankündigungen geblieben. Das Buch beschreibt, wie diese Entwicklungen auf Frauen wirken, welche Verletzungen sie verursachen, welche Argumente sie ignorieren und welche Konsequenzen Frauen in der katholischen Kirche daraus ziehen könnten und sollten.

Wer hat es geschrieben?

Dr. Christiane Florin ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Katholikin. Sie war u. a. Redaktionsleiterin bei „Christ und Welt“ und arbeitet heute als Redakteurin beim Deutschlandfunk. Außerdem ist sie als freie Autorin und Bloggerin tätig.

Was steht drin?

Am Anfang steht die Frage, wie es sein kann, dass das Thema Feminismus in der Gesellschaft angekommen ist und ernsthaft diskutiert wird, die katholische Kirche aber die Insel der Unbedarften zu sein scheint. Christiane Florin sucht Antworten auf diese Frage und stellt zunächst fest: Die vollständige Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche zeigt sich an der Frage der Priesterweihe. Die Zulassung zur Weihe ist die Zulassung zur Macht, und diese Macht möchten führende katholische Männern (noch) nicht mit Frauen teilen. Darum ist es umso wichtiger, dass die Frage der Frauenweihe weiterhin diskutiert und die zentrale Thematik beim Namen genannt wird: Machterhalt.

Florin beschreibt verschiedene Argumentationsstränge, mit denen die Frauenweihe abgelehnt wird. Sie bezieht sich auf alte Kirchenlehrer wie Augustinus und Thomas von Aquin ebenso wie auf die Päpste Pius VI., Johannes Paul II. und Franziskus. Allen attestiert sie, Frauen wertzuschätzen – wenn diese so sind, wie Frauen nach Meinung dieser Männer zu sein haben: demütig, zurückhaltend und mütterlich. Auch Papst Franziskus hängt ihrer Meinung nach diesem mütterlichen Frauenbild an, das in der „Mama“ die eigentliche Bestimmung und die Exklusivität der Frau sieht. Maria, die Mutter Gottes, soll ihr als Vorbild dienen – und zeigt ihr zugleich, wie unvollkommen sie ist. Denn welche Frau kann an ein Vorbild heranreichen, das zugleich Jungfrau und Mutter ist? Dass Frauen ihre Bestimmung jenseits ihrer Gebärfähigkeit sehen könnten und die gleichen Ämter und Machtanteile wie Männern einfordern, blenden die Päpste und andere Kirchenvertreter ebenso aus wie die Tatsache, dass es die von ihnen überhöhte Jungfrau war, die im Magnificat als erste im neuen Testament zum Aufstand gegen herrschende Machtsysteme aufgerufen hat. Dies gilt auch für Papst Franziskus, selbst wenn er Frauen in Führungsämter beruft und über die Möglichkeit der Diakoninnenweihe nachdenken lässt. Den letzten konsequenten Schritt auf dem Weg, der Frauen die Priesterweihe öffnet, geht er nicht.

Dass dem Thema Frauenweihe nicht nur in der Kirchenspitze, sondern auch an der klerikalen Basis keine Bedeutung zugemessen wird, zeigt Florin sehr anschaulich in einem fiktiven Gespräch mit einem jungen Priesteramtskandidaten, das auf einer tatsächlichen Begegnung beruht. Der Gesprächsverlauf zeigt, wie sich die Kirche von einer gefühlten Meinungs- und Auslegungsweite im letzten Drittel des letzten Jahrtausends immer mehr verengt hat. Junge angehende Priester vertreten keine eigene Meinung mehr, sondern lernen die Meinung des Lehramtes auswendig und halten sie für unumstößlich. Ein „Gespräch“ mit ihnen zu führen, bedeutet, ihre Argumente entkräften und Gegenargumente präsentieren zu müssen, die allerdings nichts gelten, weil die Wahrheit ja beim Lehramt liegt. Neben der Umschiffung der Machtfrage weist Florin in diesem Kapitel auf ein zweites Problem hin, das einer ernsthaften Diskussion um das Thema Frauenweihe im Weg steht: die Meinungslosigkeit und der Opportunismus junger Priester.

Für die Führungskräfte der katholischen Kirche ist die Diskussion um die Frauenfrage ein lästiges Übel in der Quengelzone. Mit der Feststellung, dass Frauen gleichwertig, aber nicht gleichartig sind, sei der Wertschätzung und Klarstellung Genüge getan. Diese Diskreditierung ist es jedoch, die Frauen nicht länger hinnehmen wollen. Florin lässt verschiedene Frauen zu Wort kommen, die sich zu Diakoninnen und Priesterinnen haben weihen lassen oder den Wunsch verspüren. Sie beschreiben die Beweggründe, die sie zu diesem Schritt veranlasst haben – angefangen von der ausgeschöpften Geduld der über 80jährigen promovierten Theologin Ida Raming, die Jahrzehnte versucht hat, mit fachlichen Argumenten Veränderung zu erreichen, bis zur Schweizer Theologin Jaqueline Straub, die mit Mitte 20 mit einem Buch erneut die inhaltliche Diskussion sucht. Die eine handelte kirchenpolitisch motiviert, die andere stellt ihre Berufung in den Vordergrund. Beide machen deutlich, dass es keine stichhaltigen theologischen Gründe gibt, die gegen die Priesterinnenweihe sprechen. Ein Blick zu den evangelischen und anglikanischen Schwestern und Brüdern zeigt allerdings, dass die Frauenweihe dort ebenfalls kein einfaches Thema und längst noch keine von allen akzeptierte Selbstverständlichkeit ist.

Wenn Frauen in der katholischen Kirche vehement die Gleichstellung einfordern, wird ihnen vorgeworfen, sie wollen mit dem Kopf durch die Wand. Das Problem, so stellt Florin fest, ist dabei die Wand, eine Mauer aus männlichem Machterhaltungstrieb, Ignoranz und fadenscheinigen Begründungen. Es braucht einen Weiberaufstand, um dieses Machtgebaren und die floskelhafte Argumentation samt der Männer, die sie vertreten, bloßzustellen. Es brauch einen Weiberaufstand, um in eine offene Auseinandersetzung zu kommen, die bei ehrlicher, wahrhaftiger und demütiger Diskussion eigentlich nur zu dem Schluss kommen kann: „Wo ein Wille ist, ist auch eine Weihe.“

Meine Meinung

Mein erster Gedanke beim Lesen des Buches war: Endlich hilft mir jemand, meinen Unmut zu formulieren. Ähnlich Christiane Florin bin ich engagierte Katholikin und Nicht-Theologin, mit den Machtstrukturen der römisch-katholischen Kirche in Deutschland vertraut, aber nicht in ihnen gefangen. Die Analyse Florins teile ich und halte es für wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es bei der Frage der Rolle der Frau in der Kirche nie um theologische, sondern immer um machttaktische Gründe geht. Veränderung wird es nur geben, wenn diese Tatsache gebetsmühlenartig wiederholt wird. Nur so wird nach und nach auch innerhalb der Kirche deutlich werden, wie unglaubwürdig und untragbar die Argumentationen der führenden Kirchenmänner im 21. Jahrhundert sind. Und wenn der Druck von unten steigt, wird sich etwas bewegen.
Mein zweiter Gedanke war allerdings: Wen außerhalb von Kirchenkreisen wird dieses Buch und seine Thematik interessieren? Florin beschreibt ein innerkatholisches Problem, die Gleichstellung der Frau ist in der Gesellschaft wesentlich weiter fortgeschritten als in der katholischen Kirche. In die Säkulargesellschaft hinein wird das Buch darum kaum Impulse geben. Auch für die innerkirchliche Debatte hält Florin keine wirklich neuen Argumente bereit. Wozu also dieses Buch? Was kann „Der Weiberaufstand“ bewirken?

Eine Wirkung zeigt sich schon jetzt, ein paar Monate nach Erscheinen des Buches: In den katholischen Bistümern wird das Thema aufgegriffen, Christiane Florin wird zu Lesungen eingeladen, in den sozialen Medien wird diskutiert. Dadurch könnten die Frauen- und die Machtfrage wieder zu einem Thema in der katholischen Kirche werden, die immer leiser gewordenen Debatten könnten wieder aufflammen. Darum verstehe ich das Buch als Ermutigung für all diejenigen, die, in der Realität des 21. Jahrhunderts in Westeuropa lebend, Kirche von heute mitgestalten wollen. Sie finden in Christiane Florin eine Mitstreiterin im Geiste und im Weiberaufstand Ermutigung, Erfrischung und Ermächtigung.

„Der Weiberaufstand“ ist 2017 im Kösel-Verlag erschienen und kostet 17,99€.