Carolin Emcke: Gegen den Hass

Wie dem Hass begegnen? Diese Frage zieht sich als Leitfaden durch das Buch Carolin Emckes. Antworten darauf entwickelt sie auf ihre Weise als Journalistin und Philosophin: Sie stellt Fragen, sie schaut hin, sie hört zu, sie differenziert und analysiert. „Dem Hass begegnen“, so schreibt sie „lässt sich nur durch das, was dem Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.“ (S. 18)

Ihre Analyse beginnt sie mit der Frage, warum Menschen für andere sichtbar oder unsichtbar werden. Welche Merkmale braucht es, dass Menschen andere übersehen und wie sich die Übersehenen fühlen müssen? Anhand der Emotionen Liebe, Hoffnung und Sorge macht sie deutlich, dass unsere Empfindungen gegenüber Menschen keine objektive Realität darstellen. Sie entstehen durch persönliche Erfahrungen, Übertragungen und Zuschreibungen. Wenn wir einen Menschen lieben wollen, schreiben wir ihm in jedem Fall positive Eigenschaften zu. Wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben wollen, blenden wir alles aus, das auf ein Scheitern hinweist. Wenn wir uns sorgen wollen, werden wir blind für alles, das uns zeigt, warum unsere Sorge unbegründet ist. Dabei kann der Grund für unsere Liebe, unsere Hoffnung und unsere Sorge ein ganz anderer sein als das Objekt, an dem wir unsere Emotionen ausleben. Hass, so schreibt Emcke, funktioniert nach diesem Mechanismus. Emotionen werden durch bestimmte Ereignisse hervorgerufen und entladen sich in der Gewalt und Ablehnung von Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Identität oder Orientierung. Darum sei es wichtig, nach den auslösenden Ereignissen zu suchen, das hassende Verhalten zu analysieren und daraus Handlungsoptionen für eine offene, plurale, demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft abzuleiten. „Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten heißt dagegen, immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre, wo jemand hätte anders entscheiden können, wo jemand hätte einschreiten können, wo jemand hätte aussteigen können.“ (S. 19, Hervorhebungen im Original)

Emcke vollzieht diese Analyse beispielhaft an fünf Ausgestaltungen des Hasses, die zurzeit in unserer Gesellschaft sehr präsent sind:

  1. Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich z. B. in der Blockade des Busses in Clausnitz ausdrückt. Dort versuchte eine Gruppe gewaltsam, geflüchtete Menschen daran zu hindern, ihre Unterkunft zu beziehen.
  2. Der institutionelle Rassismus, der sich in willkürlicher Polizeigewalt gegen Afroamerikaner ausdrückt. Als Beispiel führt sie die Tötung von Eric Garner auf Staten Island an.
  3. Die Vorstellung von einer vermeintlich besseren, weil homogenen Gesellschaft, wie sie u. a. von nationalkonservativen und rechtspopulistischen Parteien verbreitet wird. In einer solchen Gesellschaft wird alles, was von der willkürlich gesetzten Norm abweicht, als Bedrohung empfunden und verboten.
  4. Die Überzeugung, dass es eine „Natürlichkeit“ und „Ursprünglichkeit“ in einer Gesellschaft gibt, die gewahrt werden muss. Dazu wird allem, was dieser selbstdefinierten „Natürlichkeit“ und „Ursprünglichkeit“ widerspricht, eine soziale und rechtliche Anerkennung verwehrt.
  5. Die Ideologie einer „Reinheit“, die erhalten werden muss, indem alles „Unreine“ vernichtet wird. Eine solche Ideologie wird beispielweise vom Terrornetzwerk des IS verbreitet.

Sie vermeidet bei dieser Analyse plakative Anschuldigungen oder Verurteilungen, sondern beschreibt zunächst ihre Wahrnehmungen und Fragen. Im zweiten Schritt erst wertet sie ihre Analysen aus und bezieht klar Stellung gegen jede Form von Fanatismus, Ausgrenzung und Unterdrückung. Ihr „Lob des Unreinen“ ist ein Plädoyer für die Pluralität, das Miteinander und die Auseinandersetzung mit dem Zweifel, die zum Nach- und Weiterdenken anregt. Es fordert auf, zuzuhören, Stellung zu beziehen, klare und wahre Worte gegen jede Form von Hass, Gewalt und Unterdrückung zu finden und sich einzumischen: „Gegen den Hass aufzubegehren, sich in einem Wir zusammenzufinden, um miteinander zu sprechen und zu handeln, das wäre eine mutige, konstruktive und zarte Form der Macht.“ (S. 218)

Gegen den Hass zu lesen ist anstrengend und ermutigend zugleich. Anstrengend, weil Carolin Emcke mit klaren Worten den Hass und die Gewalt beschreibt, die unsere Gesellschaft immer mehr durchdringen. Man merkt, dass man die Augen vor dieser bedrohlichen Entwicklung nicht mehr verschließen kann, dass sie sich nicht am Rande, sondern mitten unter uns ausbreitet und unser friedliches Miteinander zu vergiften droht. Aber man kann, und das ist die Ermutigung des Buches, handeln. Emckes Vorschlag lautet: Zuhören, differenzieren, nachdenken, zweifeln und dann klar Stellung beziehen. Das wiederum ist anstrengend, aber es ist eine lohnende Anstrengung. Denn wenn wir unsere Demokratie und Pluralität verteidigen, erhalten wir uns die Möglichkeit, auf der Grundlage des Grundgesetzes und der Menschenrechte unsere je eigene Individualität frei ausleben zu können. Eigentlich sind Emckes Handlungsvorschläge Selbstverständlichkeiten: dass wir einander ernst nehmen, wertschätzen, zuhören, aushalten und Differenzen nicht mit Gewalt, sondern mit Worten klären. Dass diese Selbstverständlichkeiten wieder so deutlich benannt werden müssen, erschreckt mich. Dass Carolin Emcke sie mit diesem Buch wieder in die öffentliche Diskussion bringt, ist wichtig – so banal es im ersten Moment auch erscheinen mag. Doch eine Kultur des friedlichen Zusammenlebens und Aushandelns ist nicht selbstverständlich. Diskussionsfähigkeit muss gelernt und trainiert werden. Gegen den Hass ist dafür ein guter Trainingspartner und verhindert gleichzeitig zu vergessen, was wir verlieren werden, wenn wir aufhören zuzuhören, zu reden und zu handeln.

Das Buch ist 2016 im S. Fischer-Verlag erschienen und kostet 20 €.

Carolin Emcke wurde 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Mehr Informationen zu gibt es auch ihrer Homepage www.carolin-emcke.de.